Martin Walser, der vor einigen Jahren verstorbene deutsche Schriftsteller, hat einmal geschrieben: „Die Gefahren, die der Menschheit drohen, gäbe es nicht, wenn Liebe uns mehr läge als alles andere." Ein starker Satz. Übertreibt der Autor? Manche Gefahren, die uns drohen, sind nicht von Menschen verursacht. Wie sollte etwa menschliche Liebe gegen den so genannten natürlichen Tod helfen? Man kann und soll Sterbenden liebevoll beistehen, deren Tod lässt sich durch Liebe aber nicht verhindern. Trotzdem macht Walser auf etwas Wichtiges aufmerksam. Unsere zerrissene Welt würde ganz anders aussehen, wenn uns Liebe mehr läge als alles andere; unsere Welt wäre eigentlich ein Himmel auf Erden, wenn alle Menschen liebevoll lebten. Wir müssen uns daher fragen: Warum liegt uns Menschen Liebe nicht mehr als alles andere? Warum ist die menschliche Liebesfähigkeit oft so schwach? Und grundsätzlicher noch: Was ist das überhaupt: „Liebe"? In drei Punkten möchte ich auf diese Fragen eingehen und dabei auch die eben gehörten Texte der Heiligen Schrift zu Rate ziehen.
1. Das Wesen der Liebe. Was ist Liebe? Vielleicht ist diese Frage nicht so müßig, wie es zunächst scheinen mag. Es gibt unterschiedliche Formen von Liebe, und viele Missverständnisse. Gerade heute verwechseln wir Liebe oft mit einem Gefühl, z. B. mit dem Gefühl der Sympathie. Aber dann hätte wir ein Problem. Gefühle kommen und gehen, man kann sie nicht auf Knopfdruck herstellen. Wenn Liebe nur ein Gefühl wäre, wäre dann das Gebot der Nächstenliebe überhaupt sinnvoll? Liebe ist nicht dasselbe wie Verliebtsein. Sicher beinhaltet Liebe auch emotionale Aspekte, aber das ist nicht das Wesentliche. Liebe ist auch nicht grenzenlose Nachsichtigkeit und Toleranz. Trotz der immer bestehenden Versöhnungsbereitschaft muss man gerade als Liebender manchmal hart sein, Konflikte ehrlich austragen und Grenzen ziehen. Liebe und Gerechtigkeit dürfen sich nicht ausschließen. Im Matthäusevangelium haben wir es gehört. – Was also ist Liebe? Personale Liebe hat mit Intellekt und Willen zu tun, sie ist Erkenntnis des Guten und Entscheidung für das Gute. Wenn ich jemanden liebe, dann erkenne ich das Gute in ihm; und vor allem will ich dann das Gute für ihn, und zwar nicht nur theoretisch, sondern auch ganz praktisch und konkret. Liebe benötigt Aufmerksamkeit, Unterscheidungsvermögen und persönlichen Einsatz. Liebe tut manchmal weh, sie verlangt von uns Opfer, sie ist alles andere als virtue signalling oder moralische Selbstinszenierung. Leo Tolstoi meinte schon vor langer Zeit: „Das ist die größte Sünde unserer Tage: die abstrakte Liebe ... Die ist so leicht." – Für Paulus sind alle einzelnen Gebote zusammengefasst im Gebot der Nächstenliebe: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst. Du sollst keinen willkürlichen Unterschied machen zwischen dir und deinem Nächsten, deine Interessen sind nicht schon deshalb wichtiger, bloß weil sie deine sind. Liebe ist Absage an den Egoismus. Und darin entspricht man nach Paulus dann auch dem Willen Gottes: „Wer den anderen liebt, hat das Gesetz erfüllt." Jesus nimmt im Matthäusevangelium (7,12) ganz ähnlich auf die Goldene Regel Bezug: „Alles, was ihr wollt, dass euch die Menschen tun, das tut auch ihnen. Darin besteht das Gesetz und die Propheten." Bei Jesus wird alles einfach, oder nicht?
2. Die Schwierigkeit der Liebe. Gottes Gesetz sagt uns: Wir sollen liebevoll leben. Das ist das Wichtigste. Aber gerade damit tun wir uns oft so schwer. Wir können ein freundliches Gesicht aufsetzen, irgendwelche schönen Worte machen, uns moralisch empören, sogar uns selbst etwas vormachen, aber das Herz bleibt egoistisch und lieblos. Zu Mitgliedern der eigenen Gruppe ist man nett, solange sich das für einen selber auszahlt, echte Hingabe kommt selten vor. Ist wahre Liebe eine Illusion? Menschen haben eher einen Hang zur Grausamkeit als zur Liebe. Nicht nur die Bibel hält uns einen Spiegel vor, die Weltgeschichte legt Zeugnis gegen uns ab. Das Gesetz klagt den Menschen an und überführt in als Sünder. Wir alle sind nicht so, wie wir sein sollen. Warum ist das so? Die Antwort unserer Erfahrung ist: Die eigentliche Wurzel allen Egoismus und aller Lieblosigkeit ist die mit unserer Verwundbarkeit und Vergänglichkeit mitgegebene Angst um uns selbst. Weil es einem dann letztlich nur um einen selbst geht, ist man faul oder habsüchtig, geizig oder nachtragend. Man ist entweder hochmütig oder neidisch. Wenn die Angst das letzte Wort hat, dann sucht man sich um jeden Preis zu sichern und geht notfalls über Leichen. Natürlich kann die Angst lange verborgen bleiben. Man scheint sich im Alltag hochanständig zu verhalten. In Wirklichkeit gilt bereits die Hackordnung. Heuchelei ist der Normalfall. Und die Angst bricht überall dort aus, wo man sich in irgendeiner Weise bedroht erfährt. Dann macht man mit anderen Menschen, „was man will" (vgl. Mk 9,13). Was könnte der Macht dieser Angst um sich selbst gewachsen sein? Damit komme ich zum dritten und letzten Punkt.
3. Der Glaube als die Befreiung zur Liebe. Jesus war der liebevolle Mensch par excellence, er hat die Liebe in ihrer reinsten Form verkörpert, mehr noch: er hat als menschgewordener Sohn die Liebe des Vaters zu uns Menschen offenbar gemacht. Jesus war frei von aller Sünde, frei von der Knechtschaft der Angst um sich selbst, weil er sich ganz in der Liebe seines Vaters geborgen wusste. Und das will er mit uns teilen: er will uns hineinnehmen in seine Gewissheit, in seine Gemeinschaft mit dem Vater. Bei Matthäus haben wir gehört: „Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen." Zusammen mit Jesus stehen wir vor Gott, nur zusammen mit ihm können wir uns von Gott geliebt wissen: Gott ist uns mit derselben Liebe zugewandt, mit der er von Ewigkeit her seinen eigenen Sohn liebt. Dagegen kommt letztlich nichts an, kein Leid und keine Sünde, nicht einmal der Tod kann uns herausreißen aus dieser Liebe. Das ist unser Glaube, das sagt uns die Botschaft Jesu, sein Evangelium. Du bist geliebt, trotz allem, deine Schuld ist vergeben, du kannst leben in der Freiheit der Kinder Gottes, und immer wieder neu damit anfangen! Halte dich nur an die Botschaft Jesu! Wer so auf Gottes Liebe vertraut, muss nicht mehr unter der Knechtschaft der Angst leben. Wer so auf Gottes Liebe vertraut, kann anders leben, gelassener, mutiger, liebevoller, so wie Jesus. Der Glaube, das Vertrauen auf ein letztes Geborgensein, befreit zur Liebe. Und so ist auch erst vom Evangelium her das Gesetz wirklich erfüllbar. – Drei Punkte zu den heutigen Bibellesungen: das Wesen der Liebe, die Schwierigkeit der Liebe, der Glaube als die Befreiung zur Liebe. Wenn wir jetzt Eucharistie feiern, dann dürfen wir uns wieder neu von Gottes Liebe, vom Heiligen Geist, erfüllen lassen und ganz handgreiflich erfahren: „Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen." Amen.
P. Robert Deinhammer SJ
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